Interview mit Florian Hill: Ich vertraue meiner Intuition

NATIONAL GEOGRAPHIC DEUTSCHLAND, Autor: Katja Evers, 2012

Herr Hill, viele Extrem-Bergsteiger zieht es auf die Achttausender im Himalaya und Karakorum. Sie aber, so scheint es, haben sich für die unberührte Natur Alaskas entschieden – warum?
Vor etwa fünf Jahren reiste ich das erste Mal nach Alaska. Die Begegnung mit der übermächtigen Natur, der Einsamkeit und der unberührten Bergwelt haben mich tief beeindruckt. Die meisten Berge in Alaska sind wie ungeschliffene Rohdiamanten: weitgehend unentdeckt, exponiert und aufgrund des extremen Wetters unberechenbar und daher kaum bestiegen.

 

Sie waren bereits 2011 auf einer Alaska-Expedition im Juneau Eisfeld - für welche Region haben Sie sich diesmal entschieden?

Die Gebirgskette trägt den inoffiziellen Namen „Fairweather Range“. Der Name ist irreführend. In der Region wüten bekanntlich die schlimmsten Stürme und Unwetter auf dieser Erde! Ich selbst kenne die Gebirgskette nur aus Erzählungen. Im Jahr 1778 wurde sie erstmalig von dem britischen Seefahrer und Entdecker James Cook bereist.
 

Haben Sie keine Angst bei einem Unwetter in Schwierigkeiten zu geraten?
Ich vertraue meiner Intuition und den Entscheidungen, die ich zusammen mit meinem Kletterpartner, dem US-Amerikaner Will Wacker, treffen werde. Will besitzt ebenso wie ich die nötige Erfahrung, in dieser Wildnis zu klettern.

Ihr Ziel heißt Mount Orville, bei dessen Erstbesteigung 1995 die Seilschaft in einem Schneesturm ums Leben kam. Seither konnte keine Seilschaft erfolgreich den Berg ein zweites Mal besteigen. Was sind die Herausforderungen bei dieser Bergbesteigung?
Der Mount Orville besitzt alle Schwierigkeitselemente, die man sich von einem Berg in Alaska vorstellen kann. Der Berg ragt praktisch direkt aus dem Ozean fast 3000 Meter in die Höhe. Der Einfluss des Golfs von Alaska auf die Wetterküche der Fairweather Range ist enorm.

Und was bedeutet das konkret für Ihre geplante Unternehmung?

Heftige und plötzliche Neuschneefälle von bis zu drei Metern sind hierbei keine Seltenheit. Damit steigt exponentiell die Lawinengefahr und ein Weiterkommen ist unter Umständen nicht mehr möglich. Von allen Seiten wird der Berg von massiven Felsflanken und messerscharfen Graten eingeschlossen. Einen technisch einfachen Weg zum Gipfel gibt es nicht.

 

Das klingt mutig…
Ich bin weder besonders mutig noch ein Draufgänger. Mein Mut besteht darin, ein Leben zu leben, in dem ich mich hundertprozentig wiedererkenne und dafür bin ich bereit etwas zu riskieren.

 

Sie haben im Juneau Eisfeld in Alaska, das mit seinen knapp 4000 qkm eines der größten Eisfelder dieser Erde ist, ganz bewusst auf technische Hilfsmittel, wie Satellitentelefon, GPS und Helikopterflüge verzichtet. Was war der Grund für diese Entscheidung?

Ich habe nicht zugelassen, dass der Einsatz von Technik das natürliche Abenteuer entzaubert. Sobald ich die Möglichkeit habe, zu jeder Zeit aus einer Risikozone aussteigen zu können, lösche ich damit nicht nur das Risiko aus, sondern auch das Abenteuer an sich.

Wie stellen Sie sich einen Abenteurer des 21.Jahrhunderts vor?

Als einen Entwickler von Ideen. Ich muss mich und meine Abenteuer ständig neu definieren, das ist ein schöpferischer und kreativer Prozess. Sobald ich eine Idee ausdefiniert habe, muss ich dazu bereit sein, meine Sicherheitsnetze hinter mir zulassen – auch die sozialen.

In einem Interview sagten Sie einmal, das Wort „Abenteuer“ habe seiner ursprünglichen Bedeutung verloren“, warum?

Der verzivilisierte Mensch bewegt sich heutzutage in einer immer künstlicher werdenden Umwelt. Diese Umwelt entspricht kaum noch dem eigentlichen Bedürfnis, zu leben um zu überleben. Um diese Spannungsarmut auszugleichen, möchte der Mensch wieder Abenteuer erfahren, ohne aber dabei, und das ist die Crux, sein Sicherheitsdenken und die Komfortzone aufgeben zu müssen.

Im Himalaya haben Sie mehrfach in einem Kloster meditiert. Ist das Ihre Art der Weltflucht?

Meditation ist ja keine Flucht aus der Welt. Vielmehr ist sie die Einsicht in die Welt. Meditieren bedeutet introvertiert zu reisen. In dieser Hinsicht kann man reisen ohne jemals irgendwo anzukommen oder losgelaufen zu sein. Meine Entdeckungslust ist so vielfältig wie das Leben selbst.

 

Anfang des Jahres wurden Sie und Ihr Seilpartner während des Versuchs eine neue Route am 6.050 hohen Pico Polaco (Argentinien) zu klettern, von einem Steinschlag getroffen. Wie gehen Sie mit solchen Rückschlägen um?

Wir haben bei diesem Versuch großes Glück gehabt! Dennoch war die Verarbeitung dieses Ereignisses ein wichtiger Lernprozess für mich. Sobald man neue Wege geht, muss man damit rechnen zu scheitern.

 

Für NATIONAL GEOGRAPHIC DEUTSCHLAND werden Sie in einem Online-Blog über die Besteigung von Mount Orville berichten. Wie schätzen Sie die Herausforderung ein, eine Besteigung unter den extremen Klimabedingungen medial festzuhalten?
Meine Herausforderung besteht in erster Linie in der Kunst des Erzählens. Auch wenn ich auf der Suche nach Einsamkeit bin, stehe ich zu meinem ehrlichen und menschlichen Bedürfnis mich der Welt mitzuteilen. Das Gefühl der Bergeinsamkeit und Ausgesetztheit kann ich aber nur erfahren, wenn ich eine Zeit lang den Draht zu Welt kappe.